Kopfschüsse | …und da vorne is’ Amerika!

 

LESEWARNUNG: Eine weitere von diesen Geschichten, die geprägt sind von einem unbändigen Lokalpatriotismus.

 

I passing through my Country. From Brakel to Ottbergen, look out se Fensta änd …ups! Da sind se‘ schon, die Gestaden von Godelheim.

Zur Erklärung, Godelheim genießt quasi den gleichen Status wie Bielefeld. Godelheim gibt es NICHT, es ist ebenso nicht existent, nur noch etwas kleiner. Die Godelheimer Seenplatte, next to Godelheim, das ist quasi so, als habe der liebe Gott hier als Kind seine Schüppe ins Grün gestoßen, unbeholfen einmal links, einmal rechts am Schaft gedreht und sich so seinen Sandkasten mit ein paar lustigen Matschlöchern gebuddelt.
Was Godelheim nämlich im Boden hat, ist viel Sand. Hier war es wahrscheinlich auch, wo der liebe Gott auf die tolle Idee kam, neben Menschen auch Frauen zu erschaffen. Schließlich soll das hübsche Geschlecht doch aus etwas Schlamm und einer Rippe von Adam entstanden sein, oder wie war das da in der Bibel niedergeschrieben? Und weil er wusste, dass das alleinige Dasein eines Männchens als Typus A für sich gesehen etwas einseitig werden könnte, hat er sich hier in Godelheim ein Sandrippe geformt und daraus des Mannes Spielgefährtin geschaffen. Alles so passiert an den Godelheimer Seen. Isch schwöre…

Gottes Nachfolger dieser wundersamen Sandbaukunst sitzen heutzutage an den Ufern dieses göttlichen Bohrlochs im Strandkorb und lassen ihre Nachkommenschaft ackern. Gut sitzende Frauenfrisuren mit dem Knallgesöff Caipi, auch gern elegantisiert durch einen verlallenden Spritzer HUGO. Aber auch die Herren mit ihrem Bananenweizen auf den zu Sitzgelegenheiten gezimmerten Europaletten, angeln mit ihren Gedanken im kühlenden Nass.
Hier ist die Luft voller schräger und nachdenklicher Worte, verknüllen sich zu einem abstrakten Tongewirr, ein Hund bellt und das geschmolzene Eis läuft einem kleinen Jungen in klebrigen Bächen über Kinn und Hände.

Ich konzentriere mich auf meinen Rotwein. Schon das erste Glas schärft erheblich meine Sinne. Hier ist jetzt Beobachtungsgabe und klare Wahrnehmung meiner nächsten Umgebung gefragt. Mit jeden Schluck nehme ich mehr von allem um mich herum auf.

Zwei Knaben schrauben sich am Nachbartisch mit Messer und Gabel einen Burger rein, während sie auf geheimnisvolle Weise miteinander kommunizieren und abwechselnd auf das vor Ihnen liegende Smartphone starren. Sie scheinen Angst zu empfinden, den ach so wichtigen Kontakt zur Außenwelt verloren zu haben. Immerhin haben sie bereits seit einer geschlagenen halben Stunde nicht miteinander geredet. Ich bin mir aber sicher, dass die beiden dennoch miteinander kommuniziert haben.

Nebenbei geht mir durch den Kopf, was eigentlich dieser Rennradfahrer hier treibt? Hat er den Anschluss an das Verfolgerfeld der diesjährigen Tour de France verpasst? Das Rad sieht zumindest sehr professionell aus.
Da ist ein Gast ist mit der Reihenfolge der entgegengenommenen Bestellungen nicht zufrieden, fühlt sich zurück gesetzt. Entspannung sieht anders aus. Und das an diesem gottgeschaffenen Ort! Ich vergebe ihm trotzdem.

Mein Blick schwimmt mit dem leichten Wellengekräusel über den See hinaus zu einem Schwimmfloss, auf dem sich wie Fruchtfliegen immer mehr Kinder sammeln. Gekreische, Gejuche und sonstige Urgeräusche jugendlichen Übermuts schwängern die Luft. Auf dem Floß, gut zu beobachten, zarte Versuche der jungen Herrennachwuchsmannschaft das weibliche Geschlecht verspielt zu ertasten und dann mit Erfolg im hohen Bogen durch die Luft ins Wasser zu katapultieren. Die Mädelz finden das natürlich erst mal gar nicht schön, freuen sich insgeheim aber doch darüber, dass der Sixpack sie grade so nass gemacht hat. Sie fliegen drauf!

Das zweite Glas Rotwein erweitert meinen Horizont geographisch dann noch einmal um einigen Lichtjahre. Dahinten, da wo die Hand Gottes den Sand der Erde um noch mehr See entstehen zu lassen, da muss Amerika sein.
Denk ICH!
Die Entfernung nach Amerika wird ganz einfach überschätzt. Irgendwann stehe ich am Ufer und bin diesem anderen Kontinent irgendwie ganz nah. Allein das Weinglas in meiner Hand lässt mich zögern hinüber zu kraulen.

Auch hat’s mir diese kleine Jungferninsel in Mitten des Sees angetan. Wie ein Klecks von William Turner fristet sie dort farblich ihr Dasein. Sie nennt fünf Bäume, einen Mülleimer und diverse Liebespärchen ihr eigen und ich könnt sie ganz bequem mit zwei, drei Schwimmzügen erreichen. Ein Schelm, der Romantisches dabei denkt. Aber wohin mit diesem blöden Glas?

Die sanften Wellen massieren mir die letzten Verspannungen aus den grauen Zellen und die klare Sicht bis Amerika kämpft die Engstirnigkeit nieder. Den Alltag ertränke ich im See und beim Rest hilft der Rotwein.
Irgendwie ist hier alles Philosophie. Jetzt verstehe ich Hesses ‘Siddhartha‘ auch endlich.

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Autoren | Stefan Frese & Wolfgang K. Elges

…und DANK an | http://www.strandgut-hoexter.com

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